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5. Kapitel:
Ratschläge zur Aktenarbeit


A. Aktenaufbau

Akten, also eine geordnete Sammlung von Schriftstücken zu einem bestimmten Thema/Verfahren, werden üblicherweise von hinten gelesen, um sich zunächst einen Überblick über den aktuellen Verfahrensstand zu verschaffen. In einfachen Fällen werden die Akten chronologisch geführt und können wie ein Buch gelesen werden, welches dem Leser eine Geschichte erzählt. Es gilt der Grundsatz der Aktenwahrheit und -klarheit. In den Akten sind alle Ermittlungshandlungen, Anträge, Erklärungen, Schriftsätze wahrheitsgemäß zu dokumentieren. In Haftsachen sollen Doppelakten angelegt werden (Nr. 12 RiStBV). In umfangreichen Sachen werden Fallakten und Sonderbände benötigt, damit die Akten übersichtlich bleiben (Beispiel: Sonderband Fahndung, weil der Beschuldigte in Südamerika gesucht werden muss, oder 20 Ordner Fallakten, weil die 15 Beschuldigten insgesamt 143 Einbruchsdiebstähle begangen haben). Die Akten bestehen dann aus den Hauptakten mit den Vernehmungen der Beschuldigten, Haftbefehl, Anklageschrift, Urteil usw. und gesondert geführten Bänden über die einzelnen Taten, die man z. B. nach der Tatzeit ordnen kann, Lichtbildmappen, Tatortbefund, Band über eingeholte Sachverständigengutachten, Akten über Telefonüberwachung usw.

B. Arbeit am Sachverhalt

Bereits beim ersten Eingang im Dezernat sollte sorgfältig die Sach- und Rechtslage geprüft werden, um unnötige Ermittlungen zu vermeiden. Zunächst wird nach der Zuständigkeit der eigenen Behörde und dann der eigenen (Warum gerade ich?), dann gefragt, ob die Anzeige überhaupt einen Anfangsverdacht begründet (§ 152 Absatz 2). Der Staatsanwalt liest die Anzeige also kritisch und fragt: „ Ist es auch nach kriminalistischer Erfahrung möglich, dass jemand eine verfolgbare Straftat begangen hat? Bestehen Verfahrenshindernisse? Andernfalls muss das Verfahren sofort eingestellt werden, denn die vorsätzliche Verfolgung eines Unschuldigen ist gemäß § 344 StGB strafbar. Hier ist also bereits an einen Strafantrag, die mögliche Antragsfrist, Verjährung, Immunität oder Indemnität (§§ 36, 37 StGB) zu denken.
In umfangreichen Akten erleichtert ein Inhaltsverzeichnis die Suche. Bei unübersichtlichem Sachverhalt mit zahlreichen Zeugen kann eine computergestützte Tabelle helfen. Die Akten werden einmal gelesen, jeder Name wird mit Stichworten und Fundstelle notiert, die Tabelle wird maschinell sortiert. In der Hauptverhandlung kann dann auf einen Blick festgestellt werden, wo sich Aussagen dieses Zeugen finden oder er erwähnt wird.

C. Methode

Die Bearbeitung eines Verfahrens erfolgt in folgenden gedanklichen Schritten:
1. sorgfältige Lektüre der Akten (Arbeit am Sachverhalt), Aufnahme aller Details, Nachdenken des Geschehens (Kinotheorie). Man versucht sich in die Beteiligten hinein zu versetzen. Dabei kann man beim ersten Durchlesen ein einfaches Inhaltsverzeichnis (Blattzahl, Datum, Kurzbeschreibung) anlegen, um ständiges Suchen in den Akten zu verkürzen. Eine andere Methode besteht darin, ein Verzeichnis der Personen (etwa als einfache Tabelle) anzulegen und mit Stichworten zu vermerken, was diese ausgesagt haben und an welchen Stellen sie in den Akten auftauchen.
2. Beweiswürdigung , also die Frage nach dem wahren Sachverhalt (stimmt das überhaupt, was hier vorgetragen wird, was ist zu meiner Überzeugung bewiesen?),
3. rechtliche Begutachtung nach dem sachlichen Strafrecht und dem Verfahrensrecht,
4. Absetzen einer Entscheidung.
Dabei greifen die einzelnen Schritte immer ineinander. Bei der rechtlichen Würdigung kann auffallen, dass es auf weitere Umstände im Sachverhalt ankommt, bzw. bei der Lektüre der Akten und Aufnahme des Sachverhaltes wird gleichzeitig wie in einer Hauptverhandlung immer sofort überlegt, welche rechtliche Bedeutung diese Tatsache haben könnte.
Bei umfangreichen Sachen empfiehlt sich die Fertigung einer Übersicht und die Anlage von Merkzetteln (Zeittafel, Einlassungen, weitere Ermittlungen und Anträge, Zeugenaussagen zum selben Thema). In sehr umfangreichen Verfahren bietet sich die Erstellung von rechnergestützten Tabellen an, die dann nach Bedarf maschinell nach der Tatzeit oder den Beschuldigten geordnet werden können. In umfangreichen Sachen kommt vor jede Fallakte ein Übersichtsblatt mit dem wesentlichen Akteninhalt. Mit Hilfe dieser Übersichtsblätter wird eine weitere Übersicht über den gesamten Akteninhalt erstellt. In dieser werden die Fälle nach laufender Nummer, Tatzeit, Tatort, kurzer Tatbeschreibung, Beteiligten, Beweismittel subjektiv und objektiv geordnet. Die Tabellen können maschinell sortiert werden. Dies könnte dann etwa so aussehen:
lfd. Nr.
Tatzeit
Tatort
Tat
Beteiligte
Beweismittel
a) subjektiv
b) objektiv
§§ und Anklage ja oder nein
1
1.3.01
Würzbach
Einbruch
Lucius
Müller
Meier
Geständnis
Blatt 308
244 I 3

2
2.3.01
Lautzkirchen
Aufbruch
Automat 25 €
Meier
Schmitt
Zeuge
Huber 527
243 I Nr.2
3
5.3.01
Bierbach
Raub z.N.
Fritz
Schimmel
Müller
Geständnis
127
249
4
27.8.01
Dellfeld
Einbruch
Butterbach
Meinweck
Schimmel
DNA Gut-achten 319
243 I 1






400
4.4.02
Pirmasens Hbf
Einbruch
Bahnhofsgaststätte
Schimmel
Schmitt
Henner
Geständnis
Schmitt
211
244 I 2

Auf diese Art und Weise schrumpft selbst eine Akte mit 15 Beschuldigten und 400 verschiedenen Taten auf ein handliches Maß zusammen. Die Anklage erfordert dann vielfach nur noch sorgfältige Schreibarbeit. Die Übernahme solcher Tabellen in die Anklage genügt ebensowenig wie bei einem Strafurteil. Es ist vielmehr jeweils ein Sachverhalt zu schildern, der alle objektiven und subjektiven Tatbestandsmerkmale ausfüllt.
Zusätzlich kann für jeden Beschuldigten eine eigene Übersicht, eine Täterakte angelegt werden, aus der sich auf einen Blick ersehen lässt, wer an welchen Fällen beteiligt war.
Selbstverständlich kommt es immer auf die Eigenart des jeweiligen Falls an, wie man sich am besten einen Überblick verschafft, d.h. die obige Methode kann nicht sklavisch auf jede Akte übertragen werden.
Bei der Aufarbeitung des Sachverhaltes fallen mitunter die Lücken in den Ermittlungen auf, was Anlass zu weiteren Aufträgen geben sollte. Ein Verfahren soll erst abgeschlossen werden, wenn der Sachverhalt in alle Richtungen, also auch zu den persönlichen Verhältnissen und entlastenden Umständen sorgfältig aufgeklärt ist, da sich Fehler bei den Ermittlungen im ganzen Verfahren fortpflanzen und manche Beweise später verloren sind.

D. Beweiswürdigung

Literatur: Günther Sander, Zur Beweiswürdigung, vor allem bei Aussage gegen Aussage, StV 2000,45
Nach dieser kritischen Aufnahme des Sachverhaltes erfolgt die Beweiswürdigung, d. h. die Suche nach dem wahren, dem wirklichen Sachverhalt. Auch für den Staatsanwalt gilt der Grundsatz der freien Beweiswürdigung. Damit ist keineswegs die Befugnis zur Willkür zu verstehen, sondern die Abkehr von den festen Beweisregeln des gemeinen Rechts. Die Peinliche Gerichtsordnung Kaiser Karls V. von 1532 wollte den damaligen häufig ungebildeten und rechtsunkundigen Richtern feste Regeln an die Hand geben, um die Verurteilung von Unschuldigen zu den häufig barbarischen Strafen wie Rädern, Verbrennen, Pfählen, Enthaupten, Hängen, Abschneiden der Ohren usw. zu vermindern. Daraus ergeben sich dann Regeln wie z. B. Art. 62-68 PGO: Zur Verurteilung sind mindestens zwei bis drei glaubwürdige gute Zeugen, die von einem wahren Wissen berichten, also die Tat selbst gesehen haben, notwendig. Bezahlte Zeugen sind unzulässig und selbst zu bestrafen. Der Beweis durch einen Zeugen, der nur vom fremden Hörensagen berichtet, genügt nicht. Unbekannte Zeugen werden nur zugelassen, wenn sie redlich sind und einen guten Ruf genießen.
Ein Richter mit Allgemeinbildung und juristischem Studium benötigt diese festen Beweisregeln nicht, sondern soll nach Ausschöpfung aller Beweismöglichkeiten sich ein eigenes, sorgfältig begründetes Urteil über das Tatgeschehen bilden. Es ist also zulässig, auch aufgrund der Aussage eines einzigen, glaubwürdigen Zeugen zu verurteilen, wenn der Richter von der Richtigkeit überzeugt ist und sich dieses Urteil auch verstandesmäßig nachprüfbar begründen lässt, also ohne Denkfehler oder Verstoß gegen die anerkannten Erkenntnisse der Wissenschaft.
Die Akten enthalten nicht das wirkliche Geschehen, sondern bestenfalls einen redlichen Versuch, dieses möglichst genau zu beschreiben. In eilbedürftigen Sachen wird der Kriminalbeamte die wesentlichen Teile der ersten Vernehmung eines Zeugen in seinem Notizbuch festhalten, die protokollierte Vernehmung kann dann die zweite Aussage dieses Zeugen sein, die vielleicht einige Tage später auf der Dienststelle schriftlich festgehalten wurde.
Aus vielerlei Gründen wird wohl selten so viel gelogen wie im Strafverfahren. Zunächst ist zu überlegen, ob die Darstellung des Beschuldigten zutreffen kann oder ob sie lückenhaft oder in sich widersprüchlich ist. Die Behauptung, man sei so betrunken gewesen, dass man sich an überhaupt nichts mehr erinnern könne, trifft selten zu, da betrunkene Kraftfahrer mit dem gleichen Blutalkoholwert durchaus noch unauffällig fahren können. Den objektiven Beweismitteln (Lichtbildern, Sachverständigen, Tatspuren, verwendete Waffe usw.) wird üblicherweise ein höherer Beweiswert zugebilligt, da sie eher vor Verfälschung geschützt sind. Auch Sachverständigengutachten sind aber, soweit nur möglich, sorgfältig zu überprüfen, da sich schon mancher Sachverständiger geirrt hat.
Es genügt aber nicht, den Beweisstoff, also Zeugenaussagen, Gutachten, Urkunden usw. nur Punkt für Punkt abzuarbeiten. Notwendig ist eine Gesamtwürdigung, also ein zusammenfassender Überblick über alle Ergebnisse der Ermittlungen.
Tatsächlich die größte Rolle spielen aber die Zeugenaussagen, obwohl viele Geschehnisse wegen der Mängel der menschlichen Wahrnehmung und des Gedächtnisses aus Zeugenaussagen nicht rekonstruiert werden können, wie Experimente mit Verkehrsunfällen belegen. Der Zeuge berichtet aus seinem Gedächtnis. Hier gibt es dann zahlreiche Fehlerquellen bei der Aufnahme der Information, dem Gedächtnis und der Wiedergabe vor Gericht. Die Grundlage jeder Beurteilung der Glaubwürdigkeit ist eine ausführliche und sorgfältige Vernehmung. War der Zeuge aufnahmebereit, ist er aussagefähig und -tüchtig, hat er ein Interesse am Objekt seiner Beobachtung? Hat die Entscheidung auch Auswirkungen auf den Zeugen, ist er verwandt oder bekannt mit einem Beteiligten?
Der Zeitablauf kann eine große Rolle wegen des üblichen Vorgangs des Vergessens und Verdrängens unangenehmer Dinge spielen. Ist der Zeuge aussagewillig, kommt vielfach der zeitlich ersten Aussage die größere Bedeutung zu. Für eine Glaubwürdigkeit kann durchaus eine spontane, etwas ungeordnete Darstellung sprechen, die mit einem gefühlsmäßigen Erleben des Zeugen verflochten ist. Wer über ein tatsächliches Ereignis berichtet, wird üblicherweise in der Lage sein, den Sachverhalt auf Nachfrage rasch auch zu Details zu ergänzen, ohne lange zu überlegen oder den Eindruck zu erwecken, er habe seine Aussage vor der Sitzung sorgfältig auswendig gelernt. Auffällig ist es dagegen, wenn eine spätere Aussage in zentralen Punkten ohne plausiblen Grund von früheren Vernehmungen abweicht. Ein Kriterium kann auch sein, ob diese Aussage und die Art ihrer gefühlsmäßigen Verflechtung mit der sonstigen Persönlichkeit des Zeugen übereinstimmt.

Einzelfälle der Beweiswürdigung
1. Zeugen können sich beim Wiedererkennen von Personen leicht unbewusst irren. In Kapitalsachen sollten daher Wahlgegenüberstellungen mit zwei Personengruppen durchgeführt werden. Nach Auffassung des BGH StV 2000,603 ist eine sukzessive Gegenüberstellung - der Zeuge sieht jeweils nur eine Person - , einer Wahlgegenüberstellung vorzuziehen. Eine Wiederholung in der Hauptverhandlung ist entbehrlich, weil wiederholtes Wiedererkennen nur noch einen verminderten Beweiswert hat. Es kann aber eine Rolle spielen, ob der Zeuge den Beschuldigten auch in der Hauptverhandlung wiedererkennt oder nicht (Einzelheiten bei Wiegmann, Identifizierung aufgrund von Lichtbildvorlagen, StV 1996, 179; OLG Koblenz StV 2001,444; OLG Düsseldorf StV 2001,445). Wenn ein Polizeibeamter lediglich ein Brustbild des Verdächtigen vorlegt und dazu meint, dies könne er sein und dann der Zeuge antwortet, das war er, reicht dies als Tatnachweis nicht aus BGH StV 1993, 234.
Nach einem Pressebericht ist vom Landgericht M. ein Unschuldiger wegen eines Raubüberfalls auf einen Taxifahrer zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Er wurde zunächst auf einer Phantomzeichnung identifiziert. Der Beraubte erkannte ihn wieder. Er sah der Person auf dem Phantombild sehr ähnlich. Der Fall wurde aufgeklärt, weil der wirkliche Räuber Gewissensbisse bekam und sich stellte.
2. Das Erkennen einer Stimme ist nur schwer sicher möglich. (BGH NStZ 1994, 295).
3. Auch Geständnisse müssen nicht zutreffen. Vielleicht will der Betreffende im Gefängnis überwintern oder den wahren Täter decken usw. Falls ein Geständnis abgelegt wird, ist daher die Aussagefähigkeit (späterer Einwand: Ich bin heroinsüchtig und war bei meinem Geständnis auf Entzug) zu prüfen und der Geständige nach möglichst vielen Einzelheiten zu fragen, die nur der wirkliche Täter wissen kann.
Bekundet der Zeuge vielleicht nur seine Schlussfolgerungen? (Aussage: Es wurde geschossen. In Wirklichkeit hatte der Zeuge einen Knall gehört und daraus einen Rückschluss gezogen. Hat er die Tatsache selbst wahrgenommen oder berichtet er nur vom Hörensagen?
4. Der Zeuge vom Hörensagen ist ein schlechtes Beweismittel. (BVerfG NStZ 1995, 600;NJW 1996, 53;BGH bei Kusch NStZ 1997, 72). Eine solche Aussage wird allenfalls dann zur Verurteilung führen, wenn sie durch weitere, wichtige Beweismittel bestätigt ist. Eine Sache, die über mehrere Ecken weitererzählt wird, unterliegt mitunter malerischen Veränderungen. (OLG Köln NStZ 1990, 557) Auch der sogenannte Vertrauensmann der Polizei ist ein Zeuge vom Hörensagen. Häufig bewegt er sich selbst im Milieu und seine Identität bleibt im Dunkeln. ” Beruht der Vorwurf einer strafbaren Handlung allein auf der Aussage eines anonymen Polizeibeamten, können die Verteidigungsrechte des Angeklagten dadurch verletzt sein, dass die richterliche Vernehmung des Zeugen in Abwesenheit der Verteidigung und des Angeklagten erfolgte” EGMR StV 1997, 617. Solche Aussagen geben also allenfalls Anlass für Ermittlungen, stellen aber keine gerichtsverwertbaren Beweise dar. Seine Bekundungen müssen durch andere wichtige Beweisanzeichen gestützt werden, zumal wenn sie aus dritter oder vierter Hand stammen (Meyer-Goßner § 250 Nr. 5).
5. Zeitangaben, Entfernungen, Geschwindigkeits-, und Mengenschätzungen sind in der Regel nur ungenau.
6. Zur Beurteilung der Glaubwürdigkeit eines erwachsenen Zeugen wird in der Regel kein Sachverständiger hinzugezogen, anders jedoch, wenn eine Zeugin an einer psychosomatischen Erkrankung leidet (BGH NStZ 1995, 558). Zu den Anforderungen an ein Glaubwürdigkeitsgutachten siehe BGH NJW 1999, 2746
7. Misslingt ein Alibibeweis, ist dies allein noch kein Indiz für die Täterschaft (BGH NStZ 1995, 559). Auch ein Unschuldiger kann in Beweisnot versucht sein, falsche Angaben über seinen Aufenthaltsort zu machen. Bestätigen sich deshalb seine Angaben nicht, lässt dies nicht unbedingt den Rückschluss zu, dass er die Tat auch begangen hat.
8. Den Angaben eines Mitbeschuldigten, auch wenn das Verfahren gegen ihn abgetrennt ist, ist mit Vorsicht zu begegnen. Er kann ein Interesse daran haben, den eigenen Tatanteil zu verkleinern oder einen anderen Hintermann zu decken (BGH StV 1997, 172)
9. Die berechtigte Aussageverweigerung eines Angehörigen darf nicht zum Nachteil des Angeklagten gewürdigt werden (BGH StV 1997, 171: Der Vater hatte die Aussage über die Herkunft des Geldes aus Rauschgifthandel verweigert).
10. Lügendetektor: Nach Einholung mehrerer Sachverständigengutachten hält ihn der BGH (StV 1999, 74) für ein ungeeignetes Beweismittel.
11. DNA Gutachten:
Ein DNA Gutachten führt zu einer Wahrscheinlichkeitsaussage, z. B.: Unter 100 000 Männern befinden sich 5 mit gleichem Muster. Die rechtsmedizinischen Methoden sind verfeinert worden. Als alleiniges Beweismittel reicht es daher nicht aus, stellt aber ein gewichtiges Indiz dar (Julius in Heidelberger Kommentar, 3. Aufl. 2001, § 261 Nr. 38, BGH NJW 1990, 2944;1992, 2976; BVerfG NJW 1996, 721). Möglichen Fehlern und Irrtümern ist nachzugehen (Meyer-Goßner, StPO § 81e Nr. 2).
Zur weiteren Lektüre wird empfohlen: Venzlaff, Fehler und Irrtümer in psychiatrischen Gutachten, NStZ 1983, 199, Täschner, Probleme der Aussagetüchtigkeit bei Drogenabhängigen, NStZ 1993, 322; Scholz/Endres, Aufgaben des psychologischen Sachverständigen beim Verdacht des sexuellen Kindesmißbrauchs, NStZ 1995, 6-12, Tondorf, Zur Einführung von Mindeststandarts für Schuldfähigkeits- und Prognosegutachten durch den BGH StV 2004, 279; Glauben, Früchte des verbotenen Baums, DriZ 2006, 104 (Zulässigkeit von heimlichen Videoaufnahmen).
12. Fallbeispiel: Es ist Anklage beim Schöffengericht erhoben worden. Der Angeklagte soll den Geschädigten in einem Gartengelände an der Saar angegriffen und mit einem Messer verletzt haben. Schreibt man die wesentlichen Aussagen nebeneinander, ergibt sich folgende Übersicht:
Einlassung A
(Angeklagter)
Geschädigter G
Zeuge Frau N.
Rechtsmediziner
Tatortaufnahme durch die Polizei
Wir kennen uns seit Jahren, weil wir Arbeitskollegen sind. G. hat mich in der Gartenanlage Saarwiese zuerst beschimpft und dann mit dem Messer angegriffen. Er hatte das Messer in der rechten Hand. Ich habe seine rechte Hand am Handgelenk mit der linken Hand gepackt und seinen Arm weg gedrückt. G hat sich dann die Verletzung durch einen Stich in den Rücken selbst zugefügt. Ich bin schnell fort, weil ich Angst hatte, er würde mich mit dem Messer erneut angreifen.
A hat mich beschimpft. Ich war gerade dabei mich abzuwenden, als er mich plötzlich mit dem Messer angriff und mir in den Rücken stach. Ich habe noch versucht, das Messer abzuwehren, bin dann zusammengebrochen. A hat sich rasch entfernt.
Ich war im Nachbargarten und habe ein Streitgespräch gehört. G lag dann auf der Wiese. Unsere Traditionen verbieten es, zu fremden Männern zu gehen. Ich weiß nicht, wer mit dem Streit angefangen hat.
Stichverletzung linke hintere Körperhälfte zwischen der 7. und 8. Rippe, Stichkanal ca. 10 cm tief, 2 cm breit, Stichrichtung von unten nach oben.
2 Verletzungen, vermutlich wurde Messer teilweise aus der Wunde herausgezogen und dann erneut eingestochen.
G hat Schnittwunde an der rechten Hand, typische Abwehrverletzung
keine Spuren gefunden, am Tatort kein Messer gefunden, Verletzter im ernsten Zustand mit Krankenwagen abtransportiert
Bei der Beweiswürdigung wird man versuchen, den Vorfall wie im Film nachzudenken. Die Kunst besteht darin, aus der Fülle der einzelnen Aussagen und Feststellungen ein sinnvolles Ganzes zusammenzusetzen. Dabei fällt schon an der Einlassung auf, dass ja kaum zu glauben ist, der Verletzte habe sich schwere Wunden durch mehrere Messerstiche selbst beigebracht. Dagegen stimmt die Darstellung des Geschädigten mit dem rechtsmedizinischen Gutachten überein.

E. Gutachten

Literatur: Freund, Der Aufbau der Straftat in der Fallbearbeitung, JuS 1997, 235-239, 331-335
Nach Aufnahme des Sachverhalts und der Beweiswürdigung folgt eine rechtliche Beurteilung nach dem sachlichen Strafrecht und dem Verfahrensrecht (öffentliches Interesse, Strafantrag, Verjährung, Einstellung gegen Geldbuße) Erst dann kann eine zutreffende Entscheidung entworfen werden. Für die Beurteilung spielt in der Praxis die höchstrichterliche Rechtsprechung die ausschlaggebende Rolle. Ob die Staatsanwaltschaft an eine gefestigte höchstrichterliche Rechtsprechung gebunden ist (BGHSt 15, 155), ist umstritten (Nüse JR 1964, 281, Kohlhaas, DRiZ 1964, 286). Bei einer zweifelhaften Rechtsfrage von grundsätzlicher Bedeutung wird man sich in der Praxis bemühen, eine höchstrichterliche Entscheidung zu erhalten, also Anklage erheben und Rechtsmittel einlegen.
Das Gutachten wird vielfach so aufgebaut werden können, dass der Sachverhalt nach der historischen Methode, also beginnend mit dem ersten möglicherweise strafbaren Verhalten, in Handlungsabschnitte (Tatkomplexe) zerlegt wird. Innerhalb dieser Abschnitte wird zunächst der Tatnächste wegen der Abhängigkeit von Beihilfe und Anstiftung von der Haupttat geprüft, beginnend mit dem schwersten Delikt, welches verwirklicht sein könnte.
Die Beweiswürdigung sollte wie in einem Urteil in einem eigenen Abschnitt vorangestellt werden. Der Bearbeiter muß zweifelsfrei erkennen lassen, von welchem Sachverhalt er ausgeht und aus welchen Gründen.
Eine feste Regel für den Aufbau kann aber nicht vorgegeben werden. Ist nach der prozessualen Verwertbarkeit einer Aussage gefragt, kann dieser Teil des Gutachtens auch vorgezogen und so zunächst geklärt werden, von welchem Sachverhalt der Bearbeiter ausgeht. Das so gefundene Ergebnis sollte mit dem Rechtsgefühl überprüft werden, da man mitunter hierdurch auf übersehene Gesichtspunkte stößt.